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Winter im Dorf - Foto: Thomas Ecke

Münsterdorf

Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr 
mit trotzigen Gebärden, 
und streut er Eis und Schnee umher, 
es muss d o c h Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht 
sich vor den Blick der Sonne, 
sie wecket doch mit ihrem Licht 
einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht, 
mir soll darob nicht bangen, 
auf leisen Sohlen über Nacht 
kommt doch der Lenz gegangen.

da wacht die Erde grünend auf, 
weiß nicht, wie ihr geschehen, 
und lacht in den sonnigen Himmel hinauf 
und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar 
und schmückt sich mit Rosen und Ähren.
Und lässt die Brünnlein rieseln klar, 
als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag, 
O Herz, gib dich zufrieden; 
es ist ein großer Maientag 
der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut, 
als sei die Höll' auf Erden, 
nur unverzagt auf Gott vertraut!
es muss d o c h Frühling werden.

Emanuel Geibel (1815 - 1884) 

 



Erstellt am 04/02/2003 10:24 von admin   Aktualisiert am 04/02/2010 16:13 von Schuemann